Vorgeschichtlichen Oberflächenfundplätzen

 

Bisher galt das Areal um Wenzen in Bezug auf ur- und vorgeschichtliche Funde bis auf einen Einzelfund als fundleer. Lediglich im Herbst 1932 wurde westlich der Ortschaft beim Pflügen auf der Flur „Am Sundern“  (Wenzen FStNr. 1) eine vollständig erhaltene Streitaxt (Abb.2.1) mit gekniffenem Nacken aufgefunden, die in den spätneolithischen Zeitrahmen datiert wird. Möglicherweise handelt es sich bei dem Steingerät um eine Grabbeigabe eines Männergrabes der Einzelgrabkultur. Das letzte Drittel des 3. Jahrtausends vor Christus wird in weiten Teilen Europas von den Becher- oder Streitaxtkulturen geprägt. Typisches Kennzeichen ist, neben den Keramikbechern, eine steinerne Streitaxt und die Sitte, die Toten in Einzelgräbern unter Grabhügeln zu bestatten. Daher die Namengebung. Im südlichen Niedersachsen ist diese Kultur zwar durch zahlreiche Einzelfunde von Äxten belegt, doch sind nur wenige Gräber bekannt und Hinweise auf Siedlungen fehlen bisher völlig. Bereits 1870 soll der Wenzener Revierförster Wolf in der Gemarkung sechs Spindelsteine entdeckt haben, über deren Verbleib jedoch nichts mehr zu erfahren ist (Nachlass Lehrer Blenke, Wenzen). Ob es sich dabei jedoch um vorgeschichtliche Objekte handelte, lässt sich aus der Fundbeschreibung heraus nicht beurteilen.

Neue Funde

Neue bekannt gewordenen Funde ergaben sich erst wieder seit dem Jahre 1998. In diesem Jahr machte Konrad Göttig den Einzelfund einer auf beiden Seiten flächig retuschierten geflügelten Pfeilspitze aus dunkelbraunem Gestein (Abb.3. 1), wahrscheinlich einer Varietät des Kieselschiefers, der in diesem Farbton in den Schottern der Leine vorkommt. Die Spitze (Wenzen Forst FStNr.3) wurde in der aufgeweichten Fahrspur eines Forstweges entdeckt und dürfte aufgrund ihrer Proportionen eher der frühen Bronzezeit als dem späten Neolithikum zuzuweisen sein. Seit 1999 führt Konrad Göttig nun systematische Geländebegehungen in der Gemarkung Wenzen durch, die zur Auffinddung mehrerer bislang unbekannter Fundplätze unterschiedlichster Zeitstellung geführt haben. Die aufgefundenen Silices bestehen ausschließlich aus nordischem Moränenflint. Der im südlichen Niedersachsen vorkommende Feuerstein stammt von den nordischen Vereisungen her, die im Pleistozän den größten Teil Niedersachsens bedeckten und in ihren Geschieben unter anderem den Flint mitführten. In unserem engeren Raume reichte die maximale Eisrandlage bis über den Alfelder Raum tief zwischen Sackwald und Hils hinein. Das Einbecker Gebiet blieb aber selbst außerhalb des Bereiches der Inlandvereisungen, wie die fehlende Bedeckung des Geländes mit Geschiebematerial beweist. Damit scheiden natürliche Ursachen für das Vorhandensein des Feuersteins auf dem Fundgelände aus. Der Flint muss demnach durch Menschenhand auf seine heutigen Fundplätze gelangt sein.

Paläolithikum (Altsteinzeit): ? bis ca. 8.000 v. Chr.

Funde, die mit Sicherheit der Altsteinzeit zugeordnet werden können, sind in der Gemarkung Wenzen bisher nicht bekannt. In der Gemarkung Kuventhal jedoch fand Konrad Göttig bei seinen Geländebegehungen den ersten Faustkeil der Einbecker Region, der formenkundlich in die beginnende letzte Eiszeit (ca. 70. 000 vor heute) zu datieren ist. Er wurde bereits im Band 48 des Einbecker Jahrbuches (WERBEN 2002) vorgestellt.

Mesolithikum (Mittelsteinzeit): ca. 8.000 bis 5.500 v. Chr.

In dieser bereits nacheiszeitlichen Periode beginnt sich das Klima zu erwärmen. An Bäumen und Sträuchern wandern Birken, Kiefern und Haselnuss wieder ein. Es folgt auch ein Wechsel in der Tierwelt mit Rothirsch, Reh und Wildschwein, denen die nacheiszeitlichen Menschen als Jäger nachstellten. Allgemeines Kennzeichen der mesolithischen Steinwerkzeuge ist eine sich bereits in der späten Altsteinzeit abzeichnende Tendenz zur Verkleinerung bestimmter Feuersteingeräte. Diese typischen Mikrolithen (Kleinsteingeräte) haben meist geometrische Formen und umfassen verschiedene Ausbildungen von Dreiecken sowie Segmente, Trapeze (Vierecke) und Spitzen. Daneben kommen kleine kurze Kratzer, häufig auch Bohrer und Stichel vor. Vermutlich lebten die mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler in kleinen Verwandtschaftsgruppen innerhalb bereits recht überschaubarer Wirtschaftsräume, in denen sicherlich saisonale Wanderungen unternommen wurden. Mit einiger Sicherheit gab es langfristig bewohnte Basislager, in denen Hütten errichtet wurden, aber auch nur vorübergehend aufgesuchte kleinere Lagerplätze.

Im August 1999 entdeckte Konrad Göttig westlich von Wenzen, unmittelbar südlich der Bundesstraße 64, ein ca. 300 m x 300 m großes Fundareal. Die Fundstelle (Wenzen FStNr.5) befindet sich auf einem sanft abfallenden lössbedeckten Hang zwischen 190 m und 180 m ü. NN, der in das Tal des ca. 240 m entfernten Hillebaches ausläuft. Eine Reihe von Artefakttypen, darunter eine einfache Spitze, ein Trapez, eine atypische gestielte Spitze und mehrere Klingen und Stichel deuten an diesem Platz auf eine mittelsteinzeitliche Station hin.

Die Fundstreuung umfasst weit über 300 Artefakte mit einem Gesamtgewicht von annähernd 3,5 kg. Darunter befinden sich auch zahlreiche Kratzer, Klingen, Bohrer und Kernsteine. Weiterhin sind Sandsteinfragmente mit Schliff (Glättstein) sowie ortsfremde Gerölle (Sandsteine, Granit) vorhanden.

Neolithikum (Jungsteinzeit): ca. 5.500 bis 1.800 v. Chr.

Die holozäne Klimaverbesserung führte zur Ausbildung von ausgedehnten Eichenmischwäldern. Plötzlich - etwa nach der Mitte des 5. Jahrtausends vor Christus - änderten sich innerhalb weniger Jahrhunderte die Lebensumstände der Menschen in ganz Mitteleuropa grundlegend. Beim Nahrungserwerb bilden nicht mehr das Sammeln von Wildfrüchten, Jagd und Fischfang die ausschließliche Existenzgrundlage, sondern, oft im Zusammenhang mit dem Begriff von der neolithischen Revolution gebracht, die aktive Produktion von Nahrungsmitteln durch den gezielten Anbau von Nutzpflanzen und durch Viehhaltung. Mit der Inwertsetzung der Landschaft durch den Ackerbau und die Viehzucht geht die Anlage von festen Dauersiedlungen mit großräumigen Häusern Hand in Hand.

Der gesamte technische Bereich wird von Innovationen betroffen, so kommt es zur Entwicklung neuer Bearbeitungstechniken und neuer Arbeitsgeräte. Das Beil, bereits in der Mittelsteinzeit als Kern- oder Scheibenbeil aus geschlagenem Flint zur Holzbearbeitung bekannt, wird nun aus geschliffenem Felsgestein hergestellt. Die geschliffenen und anschließend fein polierten Beile haben scharfe Schneiden und werden in hölzernen Schäftungen verwendet. So ist es den Menschen möglich unter anderem komplizierte Zimmermannsarbeiten durchzuführen. Mahlsteine belegen das Mahlen des angebauten Getreides, Spinnwirtel die Herstellung von Textilien. Eine wichtige Neuerung ist die Herstellung von Keramik, die vom Beginn des Neolithikums bis heute eine herausragende Rolle spielt.

Die neuen bäuerlichen Lebensformen haben sich in Niedersachsen nicht allein aus den heimischen mittelsteinzeitlichen Kulturen entwickelt. Vielmehr ist die Idee von Ackerbau und Viehzucht aus dem Vorderen Orient über den Balkan und entlang der mittelmeerischen Küsten auch nach Mitteleuropa gelangt. Die erste bäuerliche Kultur in Niedersachsen, das Frühneolithikum, wird nach der Verzierung ihrer Keramik als “Bandkeramik“ bezeichnet und erscheint ca. 5.500 v. Chr. Sie ist bisher in der Gemarkung Wenzen noch nicht nachgewiesen. Unter dem Fundmaterial befinden sich allerdings zwei Steinkerne von Seeigeln, die stark verkieselt, also flintartig sind (Foto 3). Objekte aus diesem Material sind in der Regel nur in Kreideablagerungen zu finden (WALLBRECHT, 1993, 198-199). Die nächsten in Frage kommenden Vorkommen von Kreide liegen bei Hildesheim, sind aber auch im Hils und in der Sackmulde zu finden. Demnach müssten diese beiden Seeigel von dort nach Wenzen gebracht worden sein. Nach WALLBRECHT gibt es für eine solche Verbringung keinen erkennbaren Nutzeffekt. Bemerkenswerterweise gibt es in den Landkreisen Northeim und Göttingen weitere solche Fundstücke.

Eines davon wurde auf der bandkeramischen Siedlung auf dem Enzenberg bei Duderstadt, Ldkrs. Göttingen gefunden. Diesem Objekt ausgesprochen ähnlich ist ein Exemplar von einer zweiten bandkeramischen Siedlung bei Ebergötzen, Ldkrs. Göttingen. ABEL (1939, 226 ff) spekuliert über die Frage, warum solche “wertlosen“ Objekte über längere Strecken in die Siedlungen gebracht wurden. Möglicherweise waren ästhetische Gründe oder bestimmte religiöse Vorstellungen der Auslöser für dieses Handeln. Speziell die versteinerten Seeigel könnten häufig als Glückssteine oder heilkräftige Amulette angesehen worden sein.

Noch während der Kultur der Bandkeramik tritt in Niedersachsen die Rössener Kultur in Erscheinung. Ihr Name geht auf den Fundort Rössen, Kreis Merseburg (Sachsen) zurück. Ihre Verbreitung reicht vom Südwesten Deutschlands bis in den mitteldeutschen Raum mit einzelnen Ausläufern in das Norddeutsche Tiefland. Zeitlich ist sie in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. zu setzen. Die Keramik dieser Gruppe ist charakterisiert durch eine tief eingestochene, z.T. flächendeckende Verzierung. Im Herbst 2002 konnte “Zwischen den Wegen“ eine Scherbe gefunden werden, die die Rössener Kulturstufe belegt (Abb.7. 1).Eine weitere unverzierte Randscherbe (vgl. Abb.7.2) kann nur allgemein den mittelneolithischen Rössener Bechem oder den jungneolithischen Becherformen (Michelsberger Becher) zugewiesen werden. Die archäologischen Untersuchungen an der Bundesstraße 3 im Zuge der Ortsumgehung Einbeck (WERBEN 1996) erbrachten an drei Stellen Hinweise auf Rössener Siedlungsaktivitaten. Eine detaillierte Analyse dieser Funde im Einbecker Raum bleibt einer Auswertung vorbehalten, die die Rössener Kultur in Niedersachsen im Rahmen einer Dissertation behandelt (LÖNNE im Druck). Südöstlich und unmittelbar benachbart zum Fundplatz Wenzen FStNr. 5 wurde eine weitere Fundstelle mit zahlreichen neolithischen Artefakten aufgedeckt (Wenzen FStNr. 6). Der Anteil mesolithischer Formen am Fundgut scheint hier bisher wesentlich geringer zu sein als auf der Fundstelle Nr. 5. Bisher belegt lediglich ein Mikrolith einen zu vermutenden Fundanteil mesolithischer Zeitstellung. Dieses zweite Fundareal liegt auf der Flur „Zwischen den Wegen“ im flachen Hangbereich des bereits beschriebenen Riedels südlich der Bundesstraße 64 zwischen 180 m und 175 m ü. N.N. Die mutmaßliche Ausdehnung beträgt etwa 150 m x 150 m. Wenige hundert Meter südlich entspringt die Clusquelle. Zu den datierbaren Funden gehört weiterhin das Bruchstück eines Fels — Ovalbeiles (Abb.5) aus einem in der Region ungewöhnlichen Gestein.

Das Rohmaterial für dieses Beil ist ein hellbrauner quarzitischer Sandstein mit grobkörnigen, dunklen Einschlüssen im Gefüge.

Ein dickblattiger Schaber aus nordischem Flint wurde aus einem Abschlag hergestellt und zeigt sorgfältige Retusche mit Gebrauchsspuren (Gebrauchsverrundung). Die Geräte deuten jungneolithische Zeitstellung an und sind vermutlich mit der Michelsberger Kultur zu verbinden, die im südlichen Niedersachsen als Nachfolger der mittelneolithischen Rössener Kultur auftritt. Typisch für den Micheisberger Kulturbereich ist ein weiterer dickblattiger Schaber aus hellem Flint. Einige Spitzlklingen, ein mutmaßlicher Bohrer sowie zahlreiche Klingen, Kratzer und Kernsteine sind in den gleichen Zeitrahmen zu datieren (Foto 2). In das Umfeld neolithischer Siedlungsaktivitäten gehören auch ein Glättstein und Fragmente eines Mahlsteines (Wesersandstein?) und eines Läufers. Die weitere Umgebung der oben beschriebenen zweiten Fundkonzentration bei Wenzen brachte bisher vereinzelte Streufunde. Einige Funde von Wenzen FStNr. 5 ‚ darunter mehrere vorgeschichtliche Scherben, so die 5 - förmig geschwungene Randscherbe eines großen Gefäßes, könnten der ausgehenden Jungsteinzeit zuzuordnen sein. Es ist durchaus denkbar, dass diese Scherbenfunde Hinweise auf einen Siedlungsplatz der Einzelgrabkultur geben. Die oben genannte Randscherbe könnte eventuell zu einem Riesenbecher der Einzelgrabkultur gehören. Der Fundplatz der Streitaxt mit gekniffenen Nacken (Fundstellennummer 1) liegt nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Ort der Scherbenfunde entfernt (Abb.2.2). Auch eine dreieckige Pfeilspitze sowie das Fragment einer größeren beidseitig retuschierten Spitze (Sicheibruchstück?) aus Feuerstein stammen aus dem ausgehenden Neolithikum. Eine breite geflügelte Pfeilspitze (ein Flügel ist abgebrochen) gehört zum Formenspektrum des Jungneolithikums bzw. der frühen Bronzezeit (Foto 1,links).

Eine größere flächig retuschierte Pfeilspitze aus Flint mit Flügeln und Schaftdorn ist dem Endneolithikum zuzuweisen (Abb.3.2). Gleiches gilt für zwei weitere geflügelte Spitzen aus diesem Fundareal (Siehe auch Foto 1).

Bronzezeit: ca. 1.800 bis 750 v. Chr. 

Etwa 250 m östlich der zweiten Fundkonzentration befindet sich auf dem Flurstück “Auf dem Lehmhof‘ eine weitere Fundhäufung, deren zeitliche Stellung durch den Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit beschrieben werden kann. Auf einem Areal von etwa 200 m x 150 m kamen zahlreiche Flintartefakte wie Bohrer, Schaber, Klingen, Kernsteine und Pfeilspitzen zum Vorschein. Bemerkenswert ist ein mit so genanntem “Sichel-“ oder “Lackglanz“ versehenes Klingenfragment, vermutlich aus einem Gerät zum Getreide- oder Gräserschneiden stammend (Foto 2, ganz links). Einige noch nicht eindeutig zuzuordnende Keramikbruchstücke stammen ebenfalls aus diesem Teil der Wenzener Gemarkung (Abb.8).

Vorrömische Eisenzeit: ca. 750 v. Chr. bis zur Zeitenwende und frühes Mittelalter

Die Eisenzeit ist im südlichen Niedersachsen und damit auch in der Einbecker Region erst in Ansätzen erforscht. Es hat allerdings den Anschein, dass es im Laufe der jüngeren vorrömischen Eisenzeit entlang der Leine und Ilme zu einer Siedlungsverdichtung gekommen ist, die bis in die Bachniederungen der Einbecker Landschaft ihren Niederschlag gefunden hat. Eine auf der Flur “Auf dem Lehmhof‘ gefundenen Randscherbe (vgl. Abb.7.3) kann mit Vorbehalt in die Latene - Zeit (ab 450 v.Chr.) eingeordnet werden (mündliche Mitteilung U. WERBEN). Eine weitere Randscherbe ist dem Frühmittelalter zuzuweisen. Eine dritte Randscherbe aus sand- und kalkgemagertem Ton gehört zweifellos zu einem frühen Kugeltopf der karolingischen Epoche.

Es ist offensichtlich, dass die beschriebenen Fundplätze in Wenzen Teile einer Gruppierung benachbarter, vorgeschichtlicher Fundstellen auf siedlungsgünstigen Gelände am Rande der Talaue des Hillebaches sind. Weiterführende Geländeprospektionen in der Wenzener Gemarkung ergaben an mehreren unterschiedlichen Stellen ebenfalls vorgeschichtliches Fundmaterial, so dass in Zukunft im Weichbild Wenzens mit noch weiteren Hinweisen zur frühen Besiedlung des Hillebachtales gerechnet werden kann.

 

© by Konrad Göttig